Hauptsitz Raika





Das Gebäude der ehemaligen Villa Bristol an der Freiheitsstraße gehört seit mehr als hundert Jahren zum vertrauten Bild Merans. Seine Lage, seine Proportionen und die historistische Fassade prägen einen Straßenraum, der noch stark an die ehemalige K.-u.-k.-Kurstadt erinnert. Im Laufe seiner Geschichte wurde das Haus mehrfach umgebaut, erweitert und aufgestockt; zuletzt hatte sich sein baulicher Zustand jedoch zunehmend verschlechtert.
Statt das Gebäude durch einen Neubau zu ersetzen, wurde eine bewusst zweigeteilte Strategie gewählt: Nach außen bleibt das bekannte Haus erhalten, im Inneren entsteht ein vollständig neues Gebäude. Die von der Freiheitsstraße sichtbare historische Hülle wurde sorgfältig restauriert, während die überalterte innere Struktur durch einen klar zeitgenössischen Kern ersetzt wurde. Damit bleibt die Villa als Teil des kollektiven Gedächtnisses der Stadt präsent, ohne die neue Nutzung hinter einer historischen Kulisse verstecken zu müssen.
Gerade aus dem Gegensatz von außen und innen entwickelt das Projekt seinen Charakter. Hinter der regelmäßig gegliederten historischen Straßenfassade entsteht eine offene räumliche Landschaft mit unterschiedlichen Ebenen. Die ungewöhnlich großen ursprünglichen Raumhöhen werden genutzt, um mit Deckenversprüngen, einer überhohen Halle und miteinander verschränkten Geschossen zu arbeiten. Durchblicke über mehrere Ebenen lassen das Gebäude im Inneren wesentlich größer und offener erscheinen, ohne dass die historische Fassade verändert werden muss.
Auch die Fotos zeigen diese bewusste Gegenüberstellung deutlich: Zur Freiheitsstraße bleibt die repräsentative historische Villa mit Putzfassade, Fensterläden und Balkonen bestimmend. Seitlich und rückwärtig tritt dagegen die neue Architektur offen in Erscheinung. Eine leichte, präzise gegliederte Metall-Glas-Struktur bildet dort eine zweite, eindeutig zeitgenössische Schicht. Im Dachbereich wird die Erweiterung zu einem eigenständigen, gewölbten Körper, der sich von der historischen Fassade absetzt, ohne ihr die Hauptrolle im Straßenraum zu nehmen.
Im Inneren wird der Wechsel noch deutlicher. Glaswände, offene Treppenläufe und transparente Geländer erzeugen Sichtbeziehungen zwischen den verschiedenen Ebenen und unterstützen die räumliche Offenheit. Die Gestaltung bleibt dabei bewusst auf wenige Materialien beschränkt. Wengé, Eiche, Luserner Granit und Glas treffen auf die vorhandenen verputzten Steinmauern und machen Alt und Neu unmittelbar ablesbar.
Diese Materialdisziplin setzt sich bis in die Möblierung fort. Dunkles Holz, heller Stein, Glas und weiß verputzte Flächen bilden einen ruhigen Hintergrund für den Bankbetrieb. Die historischen Bauteile werden dabei nicht museal inszeniert; sie stehen selbstverständlich neben neuen Konstruktionen und Oberflächen. Dadurch entsteht weniger ein restauriertes Denkmal als ein weitergebautes Haus.
Besonders interessant ist die Behandlung des Dachgeschosses. Hinter der historischen Balustrade erscheint der neue Aufbau als leichtes, nahezu technisches Volumen. Seine gebogenen Metallflächen und großflächigen Verglasungen schaffen einen deutlich anderen Ausdruck als die darunterliegende Villa. Von innen öffnet sich dieser Bereich mit einer großen, gekrümmten Glasfront zur Stadt und zur umgebenden Berglandschaft.
Das Projekt versteht Denkmalschutz damit nicht als Rückkehr zu einem früheren Zustand. Erhalten wird vor allem das, was für den öffentlichen Raum und die Erinnerung der Stadt wesentlich ist. Gleichzeitig erhält das Gebäude im Inneren eine neue räumliche und funktionale Ordnung. So bekommt die Villa Bristol ihren angestammten Platz im Meraner Stadtbild zurück, während hinter ihrer historischen Fassade eine vollkommen zeitgenössische Bank entsteht.
Meran · BZ · 2006
Fotos: LA